Manchmal schaue ich etwas an und habe mich komplett vergessen. Wunderkerzen zum Beispiel oder Flüsse oder Katzen oder Musiker oder meinen Lieblingsmenschen. Manchmal tue ich etwas und lasse mich dabei komplett in Frieden, wie ein aus dem Weg gehen; auf Zehenspitzen. Beim Laufen gelingt mir das leicht, in der Yoga-Praxis, beim Malen oder tatsächlich beim Putzen. Für den Moment da sein, Teil sein, von dem was ich tue – im Idealfall: das sein, was ich tue, das ist selten, aber schön.

JETZT ist kostbar. Es ist das Einzige, was wirklich existiert – alles andere ist Illusion. Die Vergangenheit ist nur eine Erinnerung, die Zukunft eine reine Projektion. Der Moment, in dem du dich jetzt befindest, ist dein Zugang zu einem zeitlosen, formlosen Reich des Seins.

Wie lange dauert eigentlich so ein Moment?

Wissenschaftler sagen: etwa drei Sekunden. Das ist die Zeitspanne, die unser Gehirn als Jetzt wahrnehmen kann, bevor es automatisch beginnt, neue Informationen zu verarbeiten und uns irgendwo hin zu katapultieren. Unser Verstand lebt von der Konstruktion von Problemen. Ohne ihn wären wir glücklich in den Bäumen.

Warum fällt es uns so schwer, im Hier und Jetzt zu bleiben?

Wir sind oft „Zeitreisende“: Entweder schweifen unsere Gedanken in die Zukunft, oder wir reisen in die Vergangenheit. Neurowissenschaftliche Studien zeigen, dass unser Gehirn ständig nach Mustern sucht, um die Zukunft vorherzusagen. Das hilft uns, Gefahren zu vermeiden und Entscheidungen zu treffen. Doch diese Fähigkeit hat ihren Preis: Statt den gegenwärtigen Moment zu erleben, beschäftigt sich unser Geist lieber mit tausend anderen Fragen. Oft genug wird daraus ein Kopfkino mit fertigen Dialogen, die es nie gegeben hat und auch nie geben wird.

Unsere Vorfahren mussten ständig vorausdenken, um zu überleben. Wer Pläne für den nächsten Winter machte oder aus vergangenen Fehlern lernte, hatte bessere Überlebenschancen. Dieses lineare Denken ist heute noch dominant und evolutionär geprägt. Dabei sind wir tief in uns keine linearen, sondern zyklische Wesen. Alles in der Natur ist zyklisch – der Atem, der Wechsel der Jahreszeiten, die Rhythmen des Lebens.

Der Gegner des Jetzt

Der Verstand sieht das JETZT oft als bedrohlich. Warum? Weil er ohne seine üblichen Werkzeuge – Rekapitulation, Strategien, To-Do-Listen – machtlos ist. Doch gerade darin liegt die Chance: Indem wir uns dem Widerstand des Verstands stellen, öffnen wir uns für eine neue Ebene der Existenz.

Auch Emotionen lieben es, langlebig zu sein. Emotionen können im JETZT nur kurzlebige Erscheinungen sein. Sie gleichen einem Kräuseln auf der Wasseroberfläche, das bald wieder verschwindet. Ein gut funktionierender Organismus hält Emotionen nicht fest, sondern lässt sie kommen und gehen.

Ein lineares Denken erschafft die Illusion, dass wir immer woanders sein sollten. Ein zyklisches Denken hingegen erlaubt uns, tief in den Moment einzutauchen und die Fülle des Augenblicks zu erfahren.

Verweile doch, Du bist so schön …

Aufgehen in voller Gegenwärtigkeit. Das gehört nach wie vor zu den größten Sehnsuchtspunkt des Menschen. „Werd ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch! Du bist so schön! Dann magst du mich in Fesseln schlagen, dann will ich gern zugrunde gehn!“ 

Das ist die Wette, die der strebsam-verbissene Faust in Goethes gleichnamigem Drama mit dem Teufel Mephisto abschließt. Der Wissenschaftler verspricht dem Teufel seine Seele, wenn es diesem gelingt, ihn aus seinem verbissenen Vorwärtsdrang zu befreien und ihn ins echte Leben tauchen zu lassen, ins Hier und Jetzt.

Mit Yoga Fokus finden

In vielen heiligen Texten des Yoga beginnt der erste Vers mit dem Wort Atha – ein Begriff, dem eine glücksbringende Wirkung zugeschrieben wird. Es lenkt die Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Augenblick und erinnert daran, dass es immer JETZT Zeit ist, einen neuen Weg einzuschlagen.

Der Yogaweg lehrt uns, wie wir den Moment voll und ganz annehmen können. Es geht nicht so sehr um das WAS, sondern um das WIE, um die innere Stärke, hier und jetzt zu sein.

Durch Atemübungen, Meditation und Bewegung lernen wir, unseren Geist auf den aktuellen Moment zu fokussieren. Die wahre Freiheit liegt in der Achtsamkeit und der Gegenwärtigkeit. Das JETZT trägt uns über die Grenzen des Verstandes hinaus. Es ermöglicht uns, den Augenblick so zu erleben, wie er ist – in seiner vollen Dynamik, Frische und Lebendigkeit. Im JETZT findest du das Staunen und die kindliche Neugier, die dem Leben so viel Tiefe verleihen.

Warten im herabschauenden Hund

Manchmal ertappe ich mich als Teilnehmerin selbst dabei: ich bin im Hund oder in Tadasana und schweife ab, frage mich, was als nächstes kommt. Warten bedeutet, die Gegenwart abzulehnen – es ist ein Zeichen dafür, dass wir die Zukunft mehr wollen als den Moment, in dem wir uns gerade befinden. Warten raubt uns die Lebendigkeit.

Der Atem ist ein mächtiges Symbol für das JETZT. Er vereint alles, was wir lernen müssen: Mit jedem Einatmen laden wir das Neue ein, begrüßen es mit Offenheit. Mit jedem Ausatmen lassen wir das Alte los, ohne Anhaftung oder Widerstand. Der Atem ist zyklisch – wie das Leben selbst.

Wenn du dich auf deinen Atem konzentrierst, wirst du zur Gegenwart zurückgeführt. Das Denken wird still, und du kannst die Tiefe des Moments erfahren. Das JETZT ist der Schlüssel zur inneren Freiheit. Es ist der unendliche Augenblick, in dem die Zeit stillsteht und wir einfach sind.

Was in uns liegt

Ich finde das folgende Zitat des Naturphilosophen Ralph Waldo Emerson besonders schön: „Was hinter uns und vor uns liegt, ist nichts verglichen mit dem, was in uns liegt.“ Und eines ist wohl auch wahr: Die Reise zum Hier und Jetzt könnte die längste in meinem Leben sein.