Mein Artikel in der Yoga aktuell 01/2026
Zu Qualität berufen
Hinter jeder guten Yogastunde steht ein Mensch, der seine Praxis für andere vertieft hat, Verantwortung übernimmt und mit seinem Beruf etwas bewegen will. Immer mehr Praktizierende entscheiden sich, selbst Yoga zu unterrichten – Yoga boomt, ist ein Geschäftsmodell geworden und damit steigt auch die Zahl der Ausbildungen, Lehrenden und Studios. Woran lässt sich Qualität bei einer Ausbildung erkennen? Welche Standards sind entscheidend, damit Yoga-Unterricht mehr ist als die Vermittlung von Haltungen, sondern Bildung und Bewusstsein ermöglicht?
„Wenn Du das nicht machen kannst, dann setz einfach kurz aus.“ Oder: die Lehrerin sagt während die Teilnehmenden bereits im Schulterstand sind: „Schaut mal, dann macht Ihr als Nächstes das…“
Sätze, die eine Momentaufnahme sind; im ersten Fall fehlt die Kreativität für Varianten, im zweiten kann das mangelnde Verständnis die Halswirbelsäule verletzen. Zwei Szenen, die gleichzeitig zu zentralen Fragen in der Yoga-Szene führen: Wie stark ist das fachliche Fundament für Yogalehrende? Was zeichnet eine gute Ausbildung aus? Wie reichhaltig ist die Quelle, aus der Yogalehrende im Unterricht schöpfen?
Da „Yogalehrerin“/„Yogalehrer“ keine geschützte Berufsbezeichnung ist, unterscheiden sich die Ausbildungswege und Qualitätsstandards erheblich. Zwischen Schnellangeboten in wenigen Wochen und jahrelangen Ausbildungen liegen Welten. Noch immer wird eine Yogalehrausbildung oft als persönlicher Selbsterfahrungsweg verstanden, eine Art verlängertes Retreat. Vielleicht schon mal gehört? „Ich mache die Ausbildung nur für mich selbst.“ – „Ich brauche neben meinem Bürojob noch etwas, das mich erfüllt und Sinn ergibt“ – oder: „Yoga ist mein energetischer Ausgleich, ich bekomme so viel von den Schüler:innen zurück.“
Diese Motive können für den Einzelnen stimmig sein, für den Berufsstand der Yogalehrenden sind sie jedoch wenig hilfreich bzw. sogar schädlich. Denn sie lassen Yogalehrende schnell wie Hobbykünstler wirken, die ein bisschen Licht und Liebe weitergeben – dabei geht es um Fachkräfte, die einen verantwortungsvollen Beruf ausüben.
Mit einer guten Ausbildung haben Yogalehrende viel zu bieten, das gilt für das Bildungs- und Gesundheitswesen sowie für die Berufswelt. Yoga kann über die Individual-Prävention in den Yoga-Studios hinaus in allen Lebenswelten unserer Gesellschaft stattfinden, etwa in Kindergärten, Schulen und Altersheimen. Nur ein Beispiel: Die Privatinitiative „Lieblingsfach Matte“ von zwei Yogalehrenden hat Yoga erfolgreich als Unterrichtsfach an drei Kölner Grundschulen etabliert.
Während Yoga mehr und mehr in der Mitte der Gesellschaft ankommt und im Gesundheitswesen eine feste Größe geworden ist, steigen die Anforderungen für Berufstätige: Arbeitsverdichtung, knappe Fristen, ständige Erreichbarkeit und hoher Erwartungsdruck bestimmen für viele Beschäftigte den Alltag. Auch hier kann Yoga seine Wirkung entfalten.
In Zeiten, in denen Gesundheits- und Sozialsysteme unter immensen Kostendruck stehen, wird Yoga mehr und mehr als notwendiger Baustein der Prävention gesehen.
Yoga als Tool
Eine bewegte Meditation am Arbeitsplatz reduziert nachweislich das individuelle Stressniveau, Ängste und somatische Beschwerden, Übungen zu Atem und Bewusstsein (Pranayama, Meditation), achtsame Körperarbeit und kleine Praxis-Impulse zwischendurch fördern Selbstkontrolle, Resilienz und Präsenz — Fähigkeiten, die im Business helfen, Stress zu regulieren, klare Entscheidungen zu treffen und gesünder sowie nachhaltiger zu arbeiten.
Klar ist: Eine Yogalehrausbildung ist eine professionelle Berufsausbildung – und wird auch von offiziellen Stellen so eingestuft. Der GKV-Spitzenverband, der bundesweite Dachverband aller gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen in Deutschland, formuliert in seinem „Leitfaden Prävention“ klare Mindeststandards: Die Ausbildung muss mindestens zwei Jahre betragen, für die fachwissenschaftliche, fachpraktische und fachübergreifende Kompetenz müssen 480 Stunden Ausbildung absolviert werden und Lehrende werden als Kursleiterinnen anerkannt, wenn sie mindestens 200 Stunden Kursleitungserfahrung gesammelt haben.
„Das Curriculum und die Ausbildungs- und Prüfungsordnungen des Berufsverbandes der Yogalehrenden in Deutschland (BDYoga) gehen sogar über die Anforderungen des GKV-Verbands hinaus und garantieren eine 4-jährige, vertiefte Ausbildung mit klaren Rahmenrichtlinien. Auch die kürzere, zweieinhalb-jährige Yogalehrausbildung Basic BDYoga erfüllt die Mindestanforderungen des Leitfadens Prävention“, sagt Friederike von Schwanenflug, BDYoga-Geschäftsführerin.
Die Titel Yogalehrerin BDY/EYU und Yogalehrerin Basic BDY sind beim Deutschen Patent- und Markenamt geschützt – ein sichtbares Zeichen für Kompetenz und Professionalität.
Qualität braucht Standards
Der BDYoga vertritt die berufspolitischen Interessen der Lehrenden gegenüber Politik, Krankenkassen und Gesundheitswesen und legt mit seinen anerkannten BDYoga-Ausbildungsschulen Standards fest, damit Yoga für Lehrende und Auszubildende bestmöglich wirken kann.
Die Ausbildungsschulen durchlaufen ein mehrjähriges Anerkennungsverfahren, das sowohl die Qualifikation der Schulleitungen als auch regelmäßige Supervision und Qualitätssicherung einschließt. So entstehen bundesweit Maßstäbe für Kompetenz und Integrität.
„Eine Yoga-Praxis kann (und will) wirksam sein, und deshalb ist es wichtig, dass der Lehrende diese Wirkungen kennt und die Praxis überlegt und achtsam gestaltet“, schreibt auch Yogalehrerin Anna Trökes in ihrem Buch „Yoga – 100 Seiten“. (Reclam, 2024). Anna Trökes unterrichtet seit mehr als 40 Jahren Yoga und hat über viele Jahre eine BDYoga-Ausbildungsschule geleitet. Sie ist Mitautorin des 2025 erschienenen BDYoga-Handbuchs und Standardwerks: „Der Weg des Yoga“. (Genaues Datum kommt!, wahrscheinlich erste November Woche)
Worauf es bei einer Yogalehrerausbildung ankommt
Die Qualität einer Ausbildung hängt natürlich nicht allein von deren Dauer ab, sondern auch von den Lernzielen, den Inhalten, den Lehrenden und den Prüfungsformaten. Seriöse Institute legen Wert auf eine fundierte Vermittlung von Praxis, Philosophie, Didaktik, Anatomie, Psychologie, Pädagogik und Methodik. Ebenso wichtig sind Prüfungen, die nicht bloß Wissen abfragen, sondern die tatsächliche Unterrichtskompetenz prüfen.
Wer sich für eine Ausbildung interessiert, sollte kritisch fragen:
- Welche Fächer werden angeboten und wie werden sie gewichtet?
- Wie groß ist die Gruppe?
- Welche Qualifikation haben die Lehrenden?
- Gibt es geeignete Mentorlehrer:innen?
- Welche Gastdozenten sind Teil der Ausbildung?
- Wie ist die schriftliche und mündliche Prüfung gestaltet?
- Findet Berufskunde mit grundlegendem Know-how für Marketing und Buchführung statt?
- Gibt es Supervision und entsprechende Fortbildungen nach der Prüfung?
Denn gerade in den ersten Jahren als Lehrende:r ist es Gold wert, jemanden zu haben, der Unterrichtserfahrung teilt. Wenn die Ausbildenden wieder zehn Flugstunden entfernt sind, wer beantwortet dann die Fragen, die beim Unterrichten plötzlich auftauchen? Der BDYoga beispielsweise unterstützt seine Mitglieder mit jährlich aktualisierten Weiterbildungen, einem breiten Beratungsangebot und Fachforen, um Lehrende für ihr Berufsleben sicher aufzustellen – fachlich, beruflich und persönlich. Die Stärke liegt in der Gemeinschaft, im Austausch, in der Unterstützung und bei Qualitätsstandards für YogalehrerInnen.
Klar ist: Guter Yoga braucht gut ausgebildete Yogalehrende. Nur so kann Yoga in seiner Tiefe und Wirksamkeit vermittelt werden – jenseits von Trends, Kommerz und Selbstdarstellung. Wer Yoga unterrichtet, trägt ein Stück weit Verantwortung für die körperliche und seelische Balance anderer. Darum gehören Themen wie Berufsethik, Konfliktmanagement und Persönlichkeitsentwicklung ebenso zur Ausbildung wie die asana-Praxis selbst. Viele erleben in der Ausbildungszeit auch einen persönlichen Prozess: Yoga zu lehren heißt, sich selbst (noch besser) kennenzulernen und zwar mit allen Seiten einer zukünftigen Lehrpersönlichkeit, die in erster Linie für andere da ist.
Qualität, die spürbar ist
TeilnehmerInnen nehmen Qualität im Yoga-Unterricht wahr. Sie spüren, wenn eine Yoga-Stunde ein klares Thema hat, wenn Hintergründe erklärt werden, wenn es eine schlüssige Antwort auf das „Warum praktizieren wir das jetzt so?“ gibt. Schülerinnen und Schüler merken auch, wenn Lehrende auf individuelle Anatomie eingehen, im Raum und nicht nur auf ihrer Matte vorne präsent sind und durch klare Worte sowie unterstützende hands-on Orientierung geben.
Ein Berliner Schüler brachte es einmal mit einem Augenzwinkern auf den Punkt: „Wie gut die Yoga-Klasse war, merke ich direkt danach an meiner Stimmung und am nächsten Tag – sind es gute oder schlechte Schmerzen?“ Und tatsächlich: Qualität lässt sich fühlen, nicht nur in den Muskelsträngen.
Wer sich regelmäßig fortbildet, neue Erkenntnisse integriert, alte Routinen überprüft und sein Wissen teilt, punktet nicht nur bei den Teilnehmenden, sondern trägt auch aktiv zur Weiterentwicklung des Berufs bei.
Auch wirtschaftlich ist Qualität ein Thema: Gelten klar definierte Standards, lassen sich Angebote nachvollziehen und vergleichen – das macht Yoga-Angebote für alle Marktteilnehmer transparent. Und wer in eine fundierte Ausbildung investiert, schützt den Beruf vor Dumpingpreisen und verhält sich darüber hinaus auch kollegial.
Qualität und Haltung
Wenn wir im Yoga von Qualität sprechen, klingt das zunächst einfach und einleuchtend: Doch ehrlicherweise ist es gelerntes Handwerk und gelebte Lebenskunst zugleich, die Verbindung von Körper, Geist und Seele lebendig zu lehren. Eine gute Ausbildung legt hier das Fundament, doch Qualität zeigt sich nicht nur auf dem Zertifikatspapier, sondern vor allem in der inneren Haltung, das BDYoga-Motto „Haltung, die bewegt“ passt gut zu einem Yoga, der verstanden, praktiziert und möglichst vielfältig gelebt werden möchte.
Haltung – innen wie außen – zeigt sich in der Art, wie wir zuhören, lehren und uns selbst weiterentwickeln. Wie wir Fragen stellen, wie wir uns für andere freuen, wenn eine Praxis wirklich wesentlich wird und wirkt. Wie wir Yoga aus gutem Grund und aus Überzeugung in der Gesellschaft und in allen Lebensbereichen noch sichtbarer machen.
Yoga lehrt uns, präsent zu sein und in Verbindung zu gehen. Gute Ausbildung lehrt uns, das auch zu vermitteln. Beides zusammen – das ist Qualität von Herzen.
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